Das Wirklichkeitsproblem, vertreten in den beiden Begriffen "Erscheinung" und "Existenz", steht fraglos im Zentrum der Philosophie Heinrich Barths, die es, in Abgrenzung gegen dessen metaphysische Bewältigung etwa bei Hegel, im Rahmen einer kritischen Transzendentalphilosophie entfaltet, die in dieser Perspektive allerdings aufgrund ihrer selbstgewählten Einschränkung auf die "Bedingungen der Möglichkeit" ihrerseits einer beträchtlichen Transformation bedarf. Barth vollzieht diese Umwandlung besonders deutlich und nachvollziehbar in seiner "Philosophie der Praktischen Vernunft" von 1927, also über den Begriff der praktischen Vernunft, die er als "Verwirklichung" fasst und in ihrer eigenen Wirklichkeit der Naturwirklichkeit, auf welche die theoretischen Vernunft sich bezieht, an die Seite stellt. Der Titel, den Barth seiner reifen systematischen Position verleiht, ist sprechend: Er nennt sie die einer "transzendental begründeten Existenzphilosophie".
Barths Denken hat neukantianische Wurzeln: Seine philosophischen Lehrer waren Hermann Cohen und Paul Natorp. Noch Ende der Zwanziger Jahre bekannte Barth sich ausdrücklich zum "kritischen Idealismus". Es ist deshalb ein grosser Gewinn für die Tagung, dass sich an ihr eine starke und prominent besetzte Fraktion von Neukantianismus-Spezialisten zur Problematik äussern wird.Eine weitere Wurzel von Barths Wirklichkeitsdenken liegt im Widerspruch gegen alle Formen des Rationalismus, insbesondere denjenigen Hegels. Hier werden selbstverständlich Schelling und Kierkegaard zu wichtigen Referenzpunkten, und wir haben Anlass zur Freude, dass die Tagung auch im Blick auf diesen Kontext prominent besetzt ist.
Barth nimmt Hegel gleichsam mit Kant und Kierkegaard in die
Zange. Indem er beide aufeinander bezieht, zielt er auf eine
systematische Position, die er gelegentlich eine "Philosophie
der Krisis" genannt hat (1928). Den Rahmen einer
Transzendentalphilosophie im üblichen Verständnis
erweitert Barth nach zwei Seiten: Einerseits zielt er auf den
Einbezug des Konkreten, Individuellen, Kontingenten,
andererseits akzentuiert er die Transzendenz des Tran-
szendentalen, öffnet die Transzendentalphilosophie also
wieder gegenüber dem Absoluten der Metaphysik. Diese Doppelbewegung
hin auf Wirklichkeit und auf Transzendenz
kennzeichnet die systematische Position Heinrich Barths, ist
jedoch keine blosse Eigenart dieses Philosophen, sondern
reflektiert eine sachliche Notwendigkeit, die auch anderswo
wahrgenommen wurde und von aktueller Bedeutung ist. Dies wird
an der Tagung Prof. Dr. Thomas Rentsch zeigen, der seinen,
wohl nicht direkt auf Barth bezogenen, Vortrag unter den Titel
"Transzendenz und Wirklichkeit" gestellt hat.
Instruktiv
im Blick auf den Wirklichkeitsbegriff bei Heinrich Barth ist
vor allem seine "Philosophie der Praktischen Vernunft",
zuerst: Tübingen 1927, neu aufgelegt bei Schwabe (Basel
2010). Anlässlich der Erörterung des
Freiheitsproblems (Kapitel VIII.) schreibt Barth: "Eine
Kritik von Kant Freiheitslehre muss zu dem Ergebnis kommen,
dass ihr die Rechtfertigung der Freiheit vor der
Theoretischen Vernunft nicht gelungen ist." (288 in der
Originalpaginierung) Dafür wäre "eine neue
Durchdringung des Wirklichkeitsbegriffs" unabdingbare
Voraussetzung (289), die aber bis dato nicht geleistet sei.
Barth nimmt damit das Programm seiner späteren
Erscheinungsphilosophie in Aussicht, die hier in die Bresche
springen soll (vor allem die beiden Bände der
"Philosophie der Erscheinung", einer Problemgeschichte in
zwei Bänden, 1947 und 1959, sind hier zu nennen). Noch
vorher entstand (Ende der 30er Jahre) der "Entwurf zu einer
Philosophie des wirklichen Seins", in der Barth das
Erscheinungsproblem das erste Mal systematisch anzugehen
versucht. Ein Auszug wurde abgedruckt in: H.R. Sepp und A.
Wildermuth: Konzepte des Phänomenalen. Heinrich Barth,
Eugen Fink, Jan Patocka, Würzburg 2010, 192-197. Von
einer "tief greifenden Veränderung in der Bedeutung der
Wirklichkeitskategorie" ist darin die Rede (193). ->pdf Entwurf zu einer
Philosophie des wirklichen Seins
Um Barths Wirklichkeitsbegriff zu
rekonstruieren hält man sich vielleicht besser
zunächst an das Problem, das er mit seiner
Erscheinungsphilosophie zu lösen suchte, als an die
"Lösung" selbst. So wird man in seiner frühen,
neukantianisch geprägten Philosophie eher fündig. In
der schon genannten "Philosophie der Praktischen Vernunft"
unterscheidet er theoretische und praktische V. dadurch, dass
er erstere auf "Wirklichkeit", die zweite aber auf
"Verwirklichung" gerichtet sieht. Diese Unterscheidung ist vor
allem ausgeführt auf den Seiten 91-98. Ein langes Kapitel
thematisiert später "Die praktische Wirklichkeit". -> pdf Philosophie der
Praktischen Vernunft (S.94-98 [98-102])
Sprechend
sind auch - dies in seiner späteren Philosophie -
diejenigen Stellen, in denen Barth den Begriff der
Kontingenz erläutert (so etwa in: "Existenzphilosophie
und neutestamentliche Hermeneutik. Abhandlungen", Basel
1967, 117f.). Er stimmt den Existenzphilosophen in der
Betonung der Kontingenz zu, nimmt diese aber in den
transzendent-transzendentalen Rahmen hinein.
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