Heinrich Barths Werke zu lesen, bedeutet für den
heutigen
Leser, vor allem wenn er mit gegenwärtiger
philosophischer
Literatur vertraut ist, eine beträchtliche Schwierigkeit.
Die
über 700 Seiten von Barths Hauptwerk Erkenntnis der
Existenz
gliedern sich, abgesehen von Vorwort, Einleitung und Ausblick,
in
lediglich zehn Kapitel ohne Zwischenüberschriften. Es
enthält
keine Fussnoten und ursprünglich auch kein Register (erst
die
Herausgeber haben ein Namenregister sowie ein
ausführliches
Inhaltsverzeichnis angefügt, das eine wertvolle
Orientierungshilfe
bietet). Barths selbst äussert sich, bei anderer
Gelegenheit, zu
diesem Thema kurz und bündig so: „Dieses Buch möchte
gelesen,
nicht nachgeschlagen werden“ (Philosophie der Erscheinung,
Bd.
2, S. 11). Was wiederum zu verstehen ist! – Auch der
Sprachstil kann
befremden. Während das Buch zur praktischen Vernunft von
1927
stilistisch noch weniger von zeitgenössischen
Untersuchungen
absticht (und auch in Fussnoten die intensive
Auseinandersetzung mit
der massgebenden Forschungsliteratur der damaligen Zeit
wiedergibt),
hat sich der Abstand zu den Standards philosophischer
Publikation bis
zu Barths abschliessenden Werk von 1965 beständig
vergrössert. Vor allem die späten Texte Barths
schrecken aus
den angeführten und wohl noch einigen weiteren
Gründen leicht
ab. Die ausbleibende Rezeption seines Werks dürfte hier
ihre
wesentliche Wurzel haben.
Eines steht jedoch ausser Frage: Der Schreibstil Barths ist
nicht auf
eine reine Äusserlichkeit zu reduzieren. Zwischen
Textgestalt und
Denkgestus besteht ein enger Zusammenhang. Den
Bemühungen, Barths
Texte „leserfreundlicher“ zu machen, sind deshalb Grenzen
gesetzt. Der
enge Zusammenhang von Textgestalt und Denkgestus bedeutet aber
umgekehrt auch, dass derjenige, der es einmal vermocht hat,
sich auf
die Texte einzulassen, damit auch schon weitgehend in deren
Denkbewegung hineingekommen ist.
Was zuerst einmal für ein Hindernis genommen wird, kann
mit einem
Mal auch als Chance erkannt werden. Barths Texte sind gerade
auch als
Texte interessant, denn sie bilden in gewisser Weise eine ganz
eigene
Textsorte aus. Mit dieser Alterität soll jedoch auch
wieder nicht
kokettiert werden. Es geht nicht darum, Barth in ein
esoterisches Licht
zu rücken. Er hat immer das Gespräch gesucht und
sein Denken
wollte gewiss nie eine Sache nur für Eingeweihte sein.
Die
Erwartungen an eine philosophische Publikation, mit denen
heutige Leser
an Barths Bücher herantreten, sind voll zu respektieren.
Statt
aber den Umstand zu entschuldigen, dass Barth ihnen kaum
gerecht wird,
sind vielmehr Perspektiven aufzuzeigen, in denen seine Texte
auch unter
heutigen Bedingungen gerade ein besonderes Interesse auf sich
zu ziehen
vermögen. Harald Schwaetzer hat in seiner Rezension des
Barth-Buches von D. Grund (s. » Forschung /
Sekundärliteratur)
dem Desiderat eines gleichsam literaturwissenschaftlichen
Zugangs zu
Barth Nachdruck verliehen. Es dürfte in der Tat
ausgesprochen
lohnend sein, sich diesem noch kaum erforschten Aspekt
vermehrt
zuzuwenden. Hier muss es bei der Andeutung einiger
möglicher
Perspektiven bleiben. Zuerst aber müssen einige
grundsätzliche Überlegungen zu Barths Stellung
gegenüber
dem modernen Sprachdenken eingeschaltet werden.
Barths
mit der Zentralstellung des Erscheinungsbegriff einhergehende
Aufwertung der Sinnlichkeit weist der Sprache, dem Wort eine
kaum zu
überschätzende Bedeutung zu. Es widerspricht seiner
ganzen
Philosophie zutiefst, in der Sprache nur ein
Äusserliches,
Zeichenhaftes sehen zu wollen, das in seiner
Verweisungsfunktion auf-
und untergeht. Sprache ist keineswegs nur Werkzeug.
Literaturwissenschaftler und andere moderne Kritiker der
traditionelle
Philosophie behaupten seit längerem, dass diese die
Sprache
durchwegs nur als Medium betrachtet hat, das der Darstellung
von
zunächst sprachunabhängigen Gedanken dient. Diese
Geringschätzung der Sprache verstärke sich dann noch
einmal
hinsichtlich des Textes, der gleichsam zu einem
Äusserlichen
zweiter Stufe werde, zweifach abgeschieden von dem inneren,
eigentlichen, lebendigen Sinn. Wenn diese Darstellung
zutreffen sollte,
dann ist Barth jedenfalls unter die ausgesprochen modernen
Philosophen
zu rechnen. Doch Barth thematisiert die Sprache keineswegs im
Stile
modernen Sprachdenkens. Er führt seine Art der
Traditionskritik am
Erscheinungsbegriff durch (Philosophie der Erscheinung,
s.
Werke) und setzt damit gleichsam eine Stufe tiefer an. Deshalb
hat er
es auch nicht nötig, von einem „linguistic turn“ zu
sprechen und
die Philosophie des 20. Jahrhunderts so darzustellen, als habe
sie
erstmals den Blick auf die Sprache gelenkt, während
frühere
Zeiten deren Eigenwert überhaupt noch nicht erkannt
hätten.
Die moderne Philosophie wird wohl in verstärktem Masse
auf die
Sprache aufmerksam, doch gilt diese Aufmerksamkeit auch nicht
schlechthin der Sprache als solcher, sondern einer schon in
einem
bestimmten Sinn gedeuteten. Die zweistufige Aufwertung einmal
der
Sprache und dann des Textes in der Dekonstruktion ist trotz
aller
anderslautender Beteuerung letztlich eine simple Umkehrung der
geschichtlich diagnostizierten Verhältnisse
(Überspringung
des Signifikanten, hierarchisch gewichteter Gegensatz von
innen/aussen). Sie ist Resultat eines grob entdifferenzierten
Traditionsbezugs, der durch die Differenzierung im Einzelnen
verdeckt,
aber nicht korrigiert wird. Der Beweis für diese
Behauptungen (der
hier nicht in angemessener Ausführlichkeit erbracht
werden kann)
lässt sich anhand von bestimmten alternativen Deutungen
der
geschichtlichen Vorrangstellung von Sinn, Bedeutung und Denken
gegenüber der Sprache und des gesprochenen gegenüber
dem
schriftlich fixierten Wort führen, Deutungen, die sich
dem
schematisierenden Zugriff des modernen Sprachdenkens
offensichtlich
entziehen. So lässt es etwa die grundsätzliche
Ausrichtung
auf das mündliche, als das lebendige, Wort durchaus zu,
dass
gleichzeitig dem Text eine ganz besondere und unersetzliche
Rolle
zugestanden wird. Gerade indem dieser spannungsvoll auf seine
Erfüllung ausserhalb des Mediums der Schrift bezogen
bleibt, kann
er seine besondere Funktion wahrnehmen, die ja vielleicht eben
in der
Fruchtbarmachung dieser Spannung besteht. Es sind solche
Deutungen, die
sich einem von Barth inspirierten Denken nahe legen. Eine neue
Aufgeschlossenheit gegenüber dem Medium der Schrift und
des Textes
ruft nach einer – durchaus auch kritischen – Neudeutung
traditioneller
Auffassungen, die aber, einmal vollzogen, nicht gleich zu
einer
epochalen Wende hinaufstilisiert werden muss.
Als ebenso ablenkend von den feineren Problemlagen müssen
die
erstarrten Alternativen bezüglich des Werkzeugcharakters
der
Sprache beurteilt werden: Nicht der Mensch spricht, die
Sprache
spricht; die Sprache ist kein Werkzeug in der Hand des
Menschen,
vielmehr umgekehrt usw. Wie oft hat man das schon gehört
oder
gelesen! Sprache kann nach wie vor durchaus instrumentalisiert
werden;
das machen nicht zuletzt die vermeintlichen Überwinder
dieser
Ansicht genügend deutlich. Darin geht die Sprache als
solche aber
nicht auf; sie ist darüber hinaus eine
sinneröffnende
Dimension, die sich natürlich der Verfügbarkeit des
Menschen
entzieht, diesen deshalb aber nicht ihrerseits zum Werkzeug
macht.
Ohne sich in die Debatten modernen Sprachdenkens einzuschalten, wird Barth auf seine Weise auf die Eigenbedeutung der Sprache und des Wortes aufmerksam. Doch damit ist nur gleichsam die Aussageebene der barthschen Texte berührt. In Anlehnung an eine Fragestellung in der modernen Literaturwissenschaft lässt sich fragen: tut Barth auch, was er predigt? Es zeigt sich, dass der „performative“ Aspekt bei Barth sogar deutlich im Vordergrund steht. Seine Texte, und zwar vor allem seine späten, lassen das Denken in einzigartiger Weise „in die Erscheinung treten“ (wobei „in Erscheinung treten“ eine der zentralen Formulierungen Barths ist); sie sind unter dem Blickwinkel einer Physiognomie des Denkens zu betrachten. Die Denkbewegung reflektiert sich in allen ihren Wendungen und Stationen, in ihrem Innehalten, in ihrer einmal kreisenden, dann wieder zielgerichtet fortschreitenden Bewegung, in ihrer Zuspitzung zur Entscheidung und in ihrer Lösung in einer befreienden Einsicht. Die von Rudolf Bind richtigerweise herausgehobene Weg- und Schrittmetaphorik in Barths Erkenntnis der Existenz (vgl. H. Barth, erscheinenlassen, S. 8ff.) dürfte sich näherer Untersuchung als eingebettet in einen noch wesentlich reicheren metaphorischen Horizont zeigen, der jener Denkphysiognomie entspricht. Wenn Barths Texten die „Leserfreundlichkeit“ im Hinblick auf gängige Erwartungen abgesprochen werden muss, so ist an ihnen doch eine andere „Leserfreundlichkeit“ wahrzunehmen, eine solche nämlich, die den Leser dazu einlädt, an der Denkbewegung des Autors teilzuhaben und sie als ereignishaftes Geschehen mitzuvollziehen.
Über die Untersuchung der für Barths Schreiben typischen Hintergrundmetaphorik hinaus, wäre es lohnenswert, sich über den Status der Metaphorik bei Barth überhaupt Gedanken zu machen. Von prominenten Denkern, welche die Metaphorologie erst zu einem besonderen Forschungszweig gemacht haben, wurde die traditionelle Philosophie wohl nicht ganz zu Unrecht der Metapherfeindlichkeit bezichtigt. Metaphern sind danach für die philosophische Sprache bestenfalls ein Notbehelf. Die Intention der Philosophie gehe dahin, die Metapher vollumfänglich in Diskursivität aufzulösen. Demgegenüber wird auf die Produktivität, die unersetzliche Erkenntnisfunktion der Metapher verwiesen. Die gegenwärtige Philosophie teilt sich in zwei Lager, ein metapherfeindliches und ein metapherfreundliches Lager. Wo steht Barth in dieser Frage? Eine explizite Diskussion des Themas findet sich bei ihm nicht. Seine Sprache aber zeigt auch hier eine Zwischenstellung an, die zu denken gibt. Einerseits ist Barths Sprachstil ausgesprochen bilderreich. Vor allem in den früheren Werken führt er solche Bilder gerne aus, bis wahrhafte Gemälde entstehen. Andererseits kennzeichnet sein Schreiben ein ausgesprochen schlichter, sachlicher und nüchterner Zug, der ihn mehr als deutlich etwa von den französischen Phänomenologen abhebt. Eine Öffnung der philosophischen Sprache gegenüber Literatur und Dichtung liegt keineswegs auf der Linie Barths. Zwar ist es nicht fehl am Platz, wenn Rudolf Bind im Blick auf das Hauptwerk das Wort „Romankomposition“ braucht (a. a. O, S. 12); und Barth selbst spricht hinsichtlich desselben Werkes einmal von seinem „literarischen Unternehmen“. Doch gehört diese letzte Formulierung offenkundig zu den für Barth typischen ironisch-schwebenden Wendungen, deren Sinn nur in einer Hinsicht eindeutig ist: dass sie selbst nicht programmatisch-einsinnig zu verstehen sind. – Es bleibt in jedem Fall eine spannende Aufgabe, die Rolle der Metaphorik in Barths Texten unter dem angedeuteten Gesichtspunkt einer prekären Zuordnung zu untersuchen.
Ohne damit in einen Manierismus à la Heidegger zu verfallen, liebt es auch Barth, mit Etymologien zu spielen und abgegriffene Wörter und Termini auf gewisse normalerweise überhörte Nebenbedeutungen hin transparent zu machen. Eine besondere Untersuchung verdiente hier das Wortfeld „Kritik – Krisis – Kriterium“, dessen etymologischen Zusammenhang Barth fruchtbar zu machen versucht, indem er „Scheidung“, „Unterscheidung“, „Entscheidung“, „Begrenzung“, „Richtmass“, „Gericht“ usw. aufeinander bezieht.
Weniger auf ein benennbares sprachliches Verfahren als auf einen bestimmten Denkgestus bezieht sich die letzte Perspektive, die hier angedeutet sei. Barths Philosophie orientiert sich in ihrer Entfaltung immer wieder an der Rechtsprechung. Weil eine heutige Kritik an der traditionellen Philosophie gerade diesen Hintergrund zu ihrer Zielscheibe macht, muss sogleich klargestellt werden: Barths hält sich entschieden von demjenigen fern, was er selber ein „richterliches Gebaren“ nennt und als Überhebung der Philosophie geisselt. Dennoch ist für ihn der Richter als jemand, der in dieses Amt gewählt wurde und es ohne jeden Dünkel nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben sucht, ein zentrales Paradigma für das philosophische Denken. In expliziter Thematisierung entwickelt Barth anhand dieses Paradigmas den Begriff einer existenzbezogenen, beteiligten Erkenntnis (so z. B. in der Vorlesung Philosophie der theoretischen Erkenntnis von 1952/53). Der Richter hört sich beide Parteien an, unter Umständen auch mehrmals, und versucht deren Positionen zu verstehen, deren Anliegen sich zu eigen zu machen. Schliesslich fällt er sein Urteil im Namen der Gerechtigkeit, auf die er sich im vollen Bewusstsein beruft, nicht über sie zu verfügen. Wenn dieses Bild immer wieder im Hintergrund des Reflexionsganges von Barths Philosophie wahrgenommen werden kann, so ist nicht zu übersehen, dass Barth nicht unglücklich darüber ist, dass das philosophische Denken weniger unter Urteilszwang steht als der Richter. Gelegentlich muss die Entscheidung verschoben werden. Doch stets strebt auch Barth auf jene nie gegebene, stets nur aufgegebene Position zu, von der aus das relative Recht und die relative Begrenzung der entgegenstehenden Parteien synoptisch erkennbar wird.
Für
eine Aufmerksamkeit für Texte als Texte stehen die
Zeichen der
Zeit günstig. Irritierender ist es, wenn solche
Aufmerksamkeit von
philosophischer Seite eigens empfohlen wird, noch dazu im
Hinblick auf
einen Autor, dessen Bedeutung erst ins rechte Licht
gerückt werden
soll. Gehört doch zu einer „literaturwissenschaftlichen“
Lektüre philosophischer Texte heute unweigerlich ein
Gestus der
Entlarvung oder zumindest Dekonstruktion verborgener
metaphysischer
Tendenzen, und diesem Zugriff setzen sich Philosophen kaum
freiwillig
aus. Doch Barth droht hier keine Gefahr. Im Gegenteil, die
Verhältnisse kehren sich um: Literaturwissenschaftlich
gelesen
entlarvt und dekonstruiert nun Barth seinerseits die erstarrte
Schematik und die methodischen Fixierungen der etablierten
literaturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Und damit sind
wir schon
mitten in der fruchtbaren Zone des barthschen Denkens
angelangt. So
gesehen bildet die Aufmerksamkeit auf die Konkretisierung
dieser
Philosophie in Gestus und Sprache nicht nur einen von vielen
Zugängen, sondern einen durchaus zu privilegierenden
Zugang zu
Barth.
© 2004-2011 Heinrich Barth-Gesellschaft