Dabei kommt es vor allem darauf an, den fundamentalen Unterschied deutlich zu machen, der zwischen den Fragen der Selbsterkenntnis und allen anderen Erkenntnisfragen besteht. Die Selbsterkenntnis kann nämlich nicht in Analogie zur vertrauten Erkenntnis von Gegenständen verstanden werden, weil das Selbst, das in der Selbsterkenntnis in Frage steht, nicht das Objekt, sondern das Subjekt der Erkenntnis ist, das nicht objektiviert werden kann. Mit anderen Worten: Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt (Wittgenstein).
Die These des Vortrags lautet deshalb: Selbsterkenntnis mündet notwendigerweise in Philosophie und Philosophie muß als Selbsterkenntnis begriffen werden. Denn die Entdeckung einer qualitativen Differenz zwischen Selbstsein und Objektsein führt zu einer „Revolution der Denkart“ (Kant), in der sich die Eigenlogik der Selbsterkenntnis von der Vorherrschaft der Objekterkenntnis emanzipiert und einen genuin kritischen Begriff von Philosophie begründet.

Der Schweizer Philosoph Heinrich Barth (1890-1965) ist leider noch immer kaum bekannt. Im Schatten seines berühmten Bruders, des Theologen Karl Barth, sowie auch in demjenigen seines zeitweiligen Basler Kollegen Karl Jaspers stehend, hat er es nie vermocht, die Aufmerksamkeit einer breiteren philosophischen Öffentlichkeit auf sich und seine Werke zu lenken. Erst in den letzten Jahren ist Barth auch für einige Leute ausserhalb seines Schülerkreises zum Gegenstand eines lebhaften Interesses geworden. Es zeichnet sich ab, dass seine Philosophie im Kontext heutigen Denkens von ausserordentlicher Aktualität sein könnte, weil sie, auf dieselbe Denktradition bezugnehmend, ganz andere Wege beschreitet und zu anderen Ergebnissen kommt als der Mainstream. Höchste Zeit also, Barth auch im Internet vorzustellen.
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